Forensische Einblicke bei Sexualstraftätern

Epidemiologie, Phänomenologie und Intervention

Jan Luca Schnatz

Annika von Palubitzki

03.06.25

Übersicht

Gliederung

  1. Fallbeispiel
  2. Schuldfähigkeit
  3. Epidemiologie: Prävalenz & Rückfallrisiko
  4. Phänomenologie & Typologien
  5. Therapieansätze
  6. Wirksamkeit der Therapie
  7. Diskussion & Abschluss

Fallbeispiel

Fallbeispiel: Markus W.

QR-Code: Ausführliche Fallbeschreibung

Rechtspsychologische Einordnung des Falls

Nach welchen Kriterien wird Schuldfähigkeit beurteilt?

Schuldfähigkeit – Arbeitsauftrag

Aufgabestellung

Beurteilt in Kleingruppen die Schuldfähigkeit von Markus W. im Fallbeispiel.

Orientierung (Boetticher et al., 2007)

Gesetzesparagraphen:

  • §20 StGB: Schuldunfähigkeit: Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen krankhafter seelischer Störung, tiefgreifender Bewusstseinsstörung, Intelligenzminderung, schwerer anderer seelischer Störung unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
  • §21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit: Ist die Fähigkeit zur Einsicht oder Steuerung erheblich vermindert, kann die Strafe gemildert werden.

Zentrale psychologische Begriffe:

  • Einsichtsfähigkeit: Fähigkeit, das Unrecht der Tat zu erkennen (Kognitive Komponente der Tat: Realitätsbezug, Verständnis und Wissen gesellschaftlicher Normen, Wissen um Handlungsalternativen und deren Realisierungswahrscheinlichkeiten)
  • Steuerungsfähigkeit: Fähigkeit, nach dieser Einsicht zu handeln (Motivationale und handlungsbezogene Komponente der Tat: Passung zw. Intention und realisierter Handlungsalternativen, Handlungsorganisation, Tatmotiv, Nachtatverhalten)

Schuldfähigkeit – Besprechung

Musterlösung: Verminderte Schuldfähigkeit

  • ⁠Tiefgreifende komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit dissoziativen Episoden (schwere andere seelische Störung)
  • ⁠Deutlich ausgeprägte selbstunsichere und emotional instabile Persönlichkeitsstruktur
  • ⁠Gestörte Affekt- und Impulskontrolle, besonders in Situationen emotionaler Nähe (mögliche Affekttat nach tiefgreifender Bewusstseinsstörung)
  • ⁠Sexualpräferenzstörung ist nicht eindeutig diagnostizierbar - Verhalten eher „regressiv-emotional motiviert“

Vom Einzellfall zum Gesamtbild

Wie häufig treten Sexualdelikte tatsächlich auf – und wie hoch ist das Rückfallrisiko?

Prävalenz Sexualdelinquenz

  • Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2015 - 2024 (Bundeskriminalamt, 2025b)
  • Oberbegriff: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Aktuellen Daten nach Deliktart

Bundeskriminalamt (2025a)

Sexualdeliquenz in Deutschland 2024
Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)
Delikt Anzahl erfasste Fälle Anteil männlicher Täter (%) Aufklärungsquote (%)
Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung §§ 174, 174a, 174b, 174c, 177, 178, 184i, 184j StGB 41143 97.6 81.1
Sexueller Missbrauch von Kindern §§ 176-176e StGB 16354 94.5 86.1
Exhibitionistische Handlungen § 183 StGB 7567 100.0 62.6
Sexueller Missbrauch von Jugendlichen § 182 StGB 1191 96.7 88.2
Verbreitung pornografischer Inhalte (Erzeugnisse) §§ 184, 184a, 184b, 184c, 184e StGB 57760 84.9 86.6

Rückfallrisiko von Sexualstraftätern?

Jehle et al. (2020)

Rückfallrisiko bei Sexualstraftätern

  • Wie hoch schätzt ihr das Rückfallrisiko bei Sexualstraftätern?
  • Gibt es Unterschiede je nach Tätertyp (z. B. pädosexuelle Täter vs. Taten gegen Erwachsene)?
  • Rückfallrisiko für denselben Straftatbestand (12 Jahre Zeitraum)
    • Körperverletzung: 24.6%
    • Einfacher Diebstahl: 22.4%
    • Raub und Erpressung: 12.4%

Tatsächliches Rückfallrisiko von Sexualstraftätern

Rückfallrisiko nach Deliktart
Kategorie Rückfallrate
Sexuelle Gewaltdelikte 3.7%
Alle Sexualdelikte 6.9%
Gewaltdelikte 16.0%
Alle Delikte 28.5%

Tätertyp-spezifische Unterschiede: (Rettenberger, 2023)

  • Pädosexuelle Täter: Höheres Risiko für erneute Sexualdelikte
  • Täter mit erwachsenen Opfern: Mehr Rückfälle bei anderen Delikten

Erklärungsansätze für vergleichsweise “niedrige” Rückfallraten

Rettenberger (2023)

  • Gesellschaftlicher Wandel (Bildung, Gesundheitversorgung, Armut)
  • Bessere Behandlung & Nachsorge
  • Individuelle Faktoren (Selbstkontrolle, Alter)
  • Kriminalpolitik (Abschreckung)
  • Technologischer Wandel \(\rightarrow\) Nutzung Pornographischer Erzeugnisse

Von der Epidemiologie zu Erscheinungsformen und Tätertypen

Phänomenologie & Typologien

Welche Formen sexualisierter Gewalt gibt es und wie lassen sich Täter typisieren?

Typologien sexualisierter Gewalt

Rettenberger (2023)

  • Sexualisierte Gewalt zeigt sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen \(\rightarrow\) Phänomenologie
  • Typologien helfen, Täter und Taten systematisch zu erfassen und besser zu verstehen

Von der Typologie zur Therapie

Wie werden Sexualstraftäter behandelt?

Übung: Fallbezogene Überlegungen zu Therapiemöglichkeiten

Welche Therapieansätze sind denkbar?

Stellt euch vor, ihr müssten ein Behandlungskonzept für Markus W. entwickeln:

  • Welche Therapieansätze oder Methoden kommen euch in den Sinn?
  • Warum könnten diese Ansätze wirksam sein?
  • Welche psychologischen Störungsmodelle oder theoretischen Annahmen über die Entstehung und Aufrechterhaltung von Sexualdelinquenz liegen diesen Methoden zugrunde?
  • Welche Überlegungen zur Veränderbarkeit (z. B. Wirkmechanismen, Ansatzpunkte) stecken hinter den jeweiligen Ansätzen?
  • Gibt es Faktoren, die eurer Meinung nach besonders beachtet werden sollten?
05:00

Therapie – Übersicht

Schmucker (2023)

  • Gesellschaftlich umstritten: Therapieangebote für Sexualstraftäter stoßen oft auf Ablehnung
  • Sexualdelinquenz = soziales Störverhalten, nicht zwingend psychische Störung
  • Ziel: Resozialisierung und Rückfallvermeidung, nicht „Heilung“
  • Behandlungspflicht: Therapie ist gesetzlich vorgeschrieben
  • Settings: Strafvollzug, Maßregelvollzug, ambulante Behandlung
  • Therapieformen:
    • Früher: vor allem tiefenpsychologisch
    • Heute: v. a. kognitiv-verhaltenstherapeutisch (KVT), teils systemisch
  • Fokus hier: KVT, da sie empirisch am besten belegt ist und andere Ansätze weniger wirksam oder schwer umsetzbar sind

KVT bei Sexualdelinquenz – Merkmale

Schmucker (2023)

  • Ziel: Kognitive Veränderung & Fertigkeitenaufbau
  • Fokus: Deliktsnahe Risikofaktoren
  • Inhalte: Tatspezifisch (immer), tatverbunden (bei Bedarf)
Behandlungsinhalte der KVT bei Sexualdeliquenz
Tatspezifische.Inhalte Tatverbundene.Inhalte
Aufarbeitung der Biografie Substanzmissbrauch
Selbstwerterleben Ärgerregulation
Verantwortungsübernahme/Empathie Kognitive Fertigkeiten
Kognitive Verzerrungen Familiäre Probleme
Deliktszenario („offense cycle“) Sexualkunde
Copingstile/-fertigkeiten Kommunikative Kompetenzen
Soziale Fertigkeiten Weitere Problembereiche
Sexuelle Präferenzen Substanzmissbrauch
Selbstmanagement/Rückfallprävention Ärgerregulation

Marshall et al. (2013)

Von theoretischen Grundlagen zu praktischen Interventionen

Was wird in der KVT bei Sexualstraftätern konkret gemacht?

KVT – Behandlungsinhalte

Nach Schmucker (2023):

  • Veränderung devianter sexueller Präferenzen
  • Kognitive Restrukturierung
  • Förderung von Empathie
  • Arbeit mit Deliktszenarios

Veränderung devianter sexueller Präferenzen

  • Ziel

    • Reduktion sexueller Erregung durch deviante Stimuli
    • Förderung alternativer, nicht-devianter Sexualinteressen
  • Annahme: Sexuelle Präferenzen entstehen durch frühe Lernerfahrungen (klassische Konditionierung)

  • Methoden

    • Systematische Desensibilisierung: Schrittweise Konfrontation mit deviantem Material, gekoppelt mit neutralen oder negativen Reizen
    • Masturbatorische Rekonditionierun: Umlernen von Erregungsmustern durch gezielte angemessene Fantasien oder Erzeugen von Unempfindlichkeit gegenüber deviantem Stimulus
  • Heute: In Deutschland seltener angewendet, in Nordamerika noch verbreitet; Wirksamkeit umstritten

Kognitive Restrukturierung

  • Arbeit an Rechtfertigungen und kognitiven Verzerrungen („Täterlogik“)
  • Ziel: Aufdecken und Veränderung von legitimierenden und verharmlosenden Denkmustern bezüglich devianter Handlungen
  • Methoden: Funktionsverdeutlichung der Verzerrungen, Korrekte Darstellung, Unterstützung bei Indentifikation von Verzerrungen, Konfrontation
  • Häufige Anwendung in Gruppensettings

Förderung von Empathie

  • In fast allen Programmen, aber als Therapieziel umstritten

  • Defizite meist opferbezogen, oft mit kognitiven Verzerrungen verknüpft

  • Positive Veränderung opferbezogener Empathie kann Rückfallrisiko senken

  • Sinnvoll, wenn in breiten Behandlungsrahmen integriert; isoliert oder bei sadistischen Tätern kontraindiziert

  • Methoden: Opferberichte, Tatrekonstruktion, Schreiben von Opferbriefen, Rollenspiele

Deliktszenario

  • Ziel: Tat als Folge von Entscheidungen, Gefühlen, Fantasien und vorausgehenden Ereignissen verstehen (kein singuläres Ereignis)

  • Problem- und Verhaltensanalyse zur Identifikation von Ansatzpunkten für Therapie

  • Vorteil: Therapie bleibt eng am Delikt orientiert

  • Rekonstruktion meist anhand theoretischer Modelle (z. B. Relapse-Prevention-Modell)

Übergang: Rückfallprävention als Therapieziel

Wie kann ein Rückfall verhindert werden? Wir stellen das Relapse-Präventions-Modell vor und wenden es auf das Fallbeispiel an.

Relapse-Prävention – Modell

  • Modell für die Suchttherapie entwickelt und dann für die Behandlung von Straftätern adaptiert
  • Ziel: Rückfallvermeidung durch Risikoerkennung & Selbstkontrolle

RP-Modell

Therapeutische Methoden im RP-Modell

  • Identifikation individueller Risikosituationen
  • Entwicklung von Bewältigungsstrategien
  • Notfallpläne & soziale Unterstützung
  • Training von Selbstkontrolle & Problemlösefähigkeit

Fallbeispiel & Relapse-Prävention

Gruppenarbeit

  1. Zuordnung zu Modellphasen:
    • Ordnet konkrete Situationen aus dem Fallbeispiel den verschiedenen Phasen des Relapse-Prevention-Modells zu.
    • Falls ihr für bestimmte Phasen keine passenden Situationen findet, entwickelt eigene plausible Szenarien.
  2. Therapeutische Interventionen:
    • Überlegt, mit welchen therapeutischen Maßnahmen (basierend auf euren Ideen und den bisherigen Seminarinhalten) man jeweils in den einzelnen Modellphasen ansetzen könnte.
    • Begründet kurz, warum diese Maßnahmen in der jeweiligen Phase sinnvoll wären.
05:00

RP-Modell

Wie lange? 10 Minuten

Wie wirksam ist Therapie wirklich?

Was bringt die Behandlung?

Evaluation der Wirksamkeit

Was denkt ihr?

Wie stark senken KVT-Programme die Rückfallraten von Sexualstraftätern?

Schätzen lassen bei Wirksamkeit

  • KVT-Programme senken Rückfallraten signifikant
  • Sexualdelikte: Rückfallraten nach KVT ca. 6% (statt >10% ohne Behandlung)
  • Wichtig: Wirksamkeit abhängig von Setting, Motivation, Nachsorge
  • Grenzen: Nicht alle Täter profitieren gleichermaßen

Diskussion

Was denkt ihr jetzt?

Abschließende Einordnung

Disclaimer: Keine Bagatellisierung der Taten/Täter, trotzdem bedarf es einer Einordnung der Relevanz von Täterarbeit

  • ⁠Prävention \(\rightarrow\) Täterarbeit ist wichtige „Opfer“-Arbeit (s.h. z.B. Berliner Projekt “kein Täter werden”, Beier, 2018)
  • ⁠Nicht nur zum Schutz der Gesellschaft, sondern auch Eigenschutz des Täters aufgrund hohen Leidensdrucks
  • ⁠Täter trotz schwerwiegender einzelner Fehltritte als Menschen sehen und nicht nur ihre Tat

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

Referenzen

Beier, K. M. (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer-Verlag.
Boetticher, A., Nedopil, N., Bosinski, H. A., & Saß, H. (2007). Mindestanforderungen für Schuldfähigkeitsgutachten. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 1(1), 3–9.
Bundeskriminalamt. (2025a). Polizeiliche Kriminalstatistik 2024: Falltabellen Bund. https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2024/pks2024_node.html.
Bundeskriminalamt. (2025b). Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html.
Jehle, J.-M., Albrecht, H.-J., Hohmann-Fricke, S., & Tetal, C. (2020). Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen: Eine bundesweite Rückfalluntersuchung 2013 bis 2016 und 2004 bis 2016 (1. Aufl.). Forum Verlag Godesberg GmbH.
Marshall, W. L., Marshall, L. E., Serran, G. A., & Fernandez, Y. M. (2013). Treating sexual offenders: An integrated approach. Routledge.
Rettenberger, M. (2023). Sexualdeliquenz. In T. Bliesener, F. Lösel, & K.-P. Dahle (Hrsg.), Lehrbuch Rechtspsychologie (2. Aufl.). Hogrefe. https://doi.org/10.1024/86116-000
Schmucker, M. (2023). Therapie von Sexualstraftätern. In T. Bliesener, F. Lösel, & K.-P. Dahle (Hrsg.), Lehrbuch Rechtspsychologie (2. Aufl.). Hogrefe. https://doi.org/10.1024/86116-000